
Die Kunstwelt feierte im Jahr 2021 den deutschen Künstler Joseph Beuys (1921-1986), der vor 100 Jahren in der deutschen Stadt Krefeld geboren wurde. Mit einer beeindruckenden und komplexen Anzahl von hinterlassenen Werken wurde und wird Beuys auch weiterhin als ein berühmter Zeichner, Bildhauer, Lehrer, Politiker und Aktivist betrachtet aber auch als ein Künstler, der zahlreiche „Aktionen” und Installationen inszenierte. Zweifelsfrei prägten seine künstlerischen, sozialen und didaktischen Werke die Kunst der Nachkriegszeit und sie hinterließen ihren Einfluss bis in die Gegenwart. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums koordinierten eine Reihe von Kulturinstitutionen, Sammlungen und unabhängigen Initiativen aus Deutschland und dem Ausland ihre Bemühungen und stellten ein detailliertes Programm zusammen, das Ausstellungen, Konferenzen, Diskussionsrunden, Turneen und Aufführungen beinhaltet, um zu feiern und die Chance der Wiederentdeckung der unermesslichen Wirkung von Beuys auf die soziokulturelle Landschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu gewähren.
Außerhalb Deutschlands spielte das Goethe-Institut eine wesentliche Rolle in der weltweiten Verbreitung des Jubiläumsprogramms. Dabei handelte es sich um ein komplexes Programm, das sich vornahm, eine wertvolle Perspektive der hochkosmopolitischen Intellektualität, die für Beuys’ Werke typisch ist, aber auch eine Perspektive seiner persönlichen Identität darzubieten. Als ein leidenschaftlicher Befürwörter des Syntagmas Jeder Mensch ist ein Künstler wurde Beuys als ein universalistisches, kosmopolitisches „Wesen, das handelt, spricht, sich bewegt” identifiziert, voller Leidenschaft und für den Wiederaufbau der Gesellschaft von Grund auf engagiert.
In Rumänien organisierte das Goethe-Institut im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums eine Reihe von Veranstaltungen einschließlich eines eintägigen Events am 12. Mai, dem Tag, an dem Beuys geboren wurde. Das Event genannt „Chalk Reality: Drawing Performance. Unterricht mit Kreide und Schultafel über Demokratie und Kunst” wurde vom rumänischen Künstler Dan Perjovschi (geb. 1961) inszeniert. Darüber äußert sich Perjovschi wie folgt:
„Ich hatte keine Ahnung, wer Beuys ist, obwohl die Weste mit
Taschen, die wir fast alle am Ende der 80er Jahre in Oradea trugen,
sehr beliebt unter den jungen Künstlern war. Ich blieb ihr treu… Erst
als die Diktatur gefallen war und während ich schüchtern im Ausland
ausstellte und gleichzeitig die Geschichte der zeitgenössischen Kunst
erlernte, die uns zu Hause verweigert wurde, bin ich auf Beuys
gestoßen.
Ich meine nicht die Weste, sondern den Künstler, der sie trug.
Und vielleicht hat mich das soziale und (wenn ich das sagen darf)
pädagogische Engagement des Künstlers mehr beeindruckt als die in
allen Museen sichtbaren Werke und mehr als die Fluxismen und die
allzu gut bekannten Performances. Es hat mich soweit beeindruckt,
dass ich auch eine Unterrichtsstunde (über Demokratie, Freiheit,
Widerstandsfähigkeit- weil das Wort ja gerade im Trend ist) mit
Kreide und Schultafel gehalten habe. Jetzt, im Jahr 2021.”
Der zweite Teil dieses Events fand in Hermannstadt in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kulturzentrum Hermannstadt und der Kuratorin Iris Ordean statt. Unter dem Titel „Talking Performance. Eine Lektion über Beuys, Performance und Performativität” war die Intervention als eine offene Unterhaltung zwischen Künstler und Kuratorin gedacht, wobei der wichtige Platz, den die Performance sowohl im Leben von Beuys als auch in seiner künstlerischen Laufbahn spielte, betont wurde. Danach wurde zu einer allgemeineren Diskussion über die Rolle der Performance in der Gestaltung der weltweiten Kunstlandschaft ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts übergegangen. Schultafel und Kreide wurden durch Text und Bild ersetzt, wodurch Forschungswege für das lokale hermannstädter Publikum kontextualisiert und geöffnet wurden.
Eine äußerst wichtige Frage, mit der sich Talking Performance befasste, ist die Beziehung zwischen Beuys und der Performativität. Beuys’ ganzes Leben kann als eine Performance betrachtet werden, zumal die Grenzen zwischen Leben und Werk, Taten und Phantasie oft unklar sind. Ein weiterer wichtiger Punkt dieser Intervention war die Diskussion über Beuys’ pädagogische Methoden jener Zeit, in der der Künstler an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf unterrichtete und wo er mit seinen Vorlesungen über Kunst, Wissenschaft, Philosophie und sozio-politischen Aktivismus hunderte Studenten beigeisterte. Seine Diagramme mit Anmerkungen an der Tafel, die er seit der 1970er Jahre in jede seiner
Vorlesungen einbaute und die „Anti-Bilder” (zum Beispiel die Aufführung von Szenen in Verbindung mit dem Tod oder mit den Erinnerungen aus seiner Kindheit), die er während der Vorlesungen interpretierte, sind wichtige Beweise, die uns Informationen zu seiner Denkweise übermitteln, aber gleichzeitig auch Beweise der Unmöglichkeit der Trennung des Lebens von der Performance sind.
Text von Iris Ordean
Die Broschüre zum Event.






